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Chronische RÜCKENSCHMERZEN

Teil 1

Anhaltende Rückenschmerzen sind in besonderem Maße geeignet, das körperliche Allgemeinbefinden beträchtlich zu stören. Diagnostik und Therapie werden allerdings durch die Vielzahl möglicher Ursachen erschwert, hinzu kommt, daß das Beschwerdebild nicht einheitlich ist, sondern in den verschiedensten Variationen (z. B. unterschiedliche Ausstrahlungen in die Be ine, Leisten) auftritt. Von Bedeutung ist deshalb bei Rückenschmerzen eine genaue Abfrage der Beschwerden und Erhebung der Anamnese (= Vorgeschichte), da diese Angaben bereits grobe Hinweise auf die Art der Schädigung liefern.

Auch auf den Ort der Schädigung lassen sich bereits aus dem Beschwerdebild Rückschlüsse ziehen:

Systematik der Ursachen für Rückenschmerzen

1. Vertebragene (= wirbelsäulenbedingte) Rückenschmerzen:

      Degenerative Veränderungen (= durch Abnutzung hervorgerufen)
          - Bandscheibenveränderungen (Vorwölbung, Vorfall)
        - ligamentäre Insuffizienz (= Funktionsstörung von Haltebändern)
          - Störung der gelenkigen Wirbelverbindungen
          - knöcherne Veränderungen (Randzacken, Knochenwulste usw.)
       Missbildungen
          - angeborene (z.B. Spina bifida, Blockwirbel, Keilwirbel)
          - Wachstumsstörung (z.B. Skoliose, Scheuermann)
       Entzündliche Erkrankungen
          - Rheumatischer Formenkreis (z.B. Polymyalgia, M. Bechterew)
          - Infektionserkrankungen (Spondylitis z.B. durch Tbc,
            Staphylokokken, M. Bang)
       Generalisierte Skeletterkrankungen
          - (z.B. Osteoporose, Osteomalazie)
       Tumoren der Wir belsäule
          - Primärtumoren (hauptsächlich Plasmozytom)
          - Metastasen
      Traumen (= Verletzungen) (Frakturen, Schleudertrauma der HWS)
       Defekte, nicht verletzungsbedingte (z.B. Spondylolyse
             und Spondylolisthesis)
2. Neurologische Erkrankungen:
             (z.B. Polyradikulitis, Rückenmarkstumoren,
             Syringomyelie, Tabes dorsalis
3. Referred pain (Übertragungsschmerz):
       Halswir belsäule: sog. viszeraler Übertragungsschmerz bei
             Erkrankung innerer Organe: Leber, Gallenblase, Magen,
             Milz, Dickdarm, Herz u. Affektionen des Schultergelenkes
       Brustwir belsäule: Schmerzprojektion bei Erkrankung der
             Speiseröhre, der Pleura, und bei Aortenaneurysma
       Lendenwir belsäule: Schmerzprojektion bei gynäkologischen
             und urologischen Erkrankungen
4. Myofasziales Syndrom
     (= Mus keln und deren Gewebsumhüllung sowie Sehnen betreffende Störungen)

Die einzelnen Wirbelsäulenabschnitte:

Das Halswirbelsäulens yndrom (HW S-Synd rom) oder auch Zer vikalsyndrom genannt, ist ein Sammelbegriff für von der Halswir belsäule ausgehende oder den Halswirbelsäulenbereich betreffende Rückenschmerzen. Die mit Abstand häufigste Ursache sind Störungen im Bereich der gelenkigen Wirbelverbindungen, die sog. "Wirbelblockierungen". 
In der Regel klagen die Patienten über Rückenschmerzen bzw. Nac kenschmerzen, die in die Schul tern, manchmal bis in die Ar me und/oder auch in den Hin terkopf (z.T. bis zur St irn) ausstrahlen können. Meist ist die Mus kulatur neben der Wir belsäule verhärtet, häufig verbunden mit einer schmerzhaft eingeschränkten Kopfbeweglichkeit. Vielfach besteht auch Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Halswir belsäule. 
Zum Ausschluß eines die Ner venwurzeln betreffendes Krankheitsgeschehens (rad ikuläre Synd rome), bedarf es immer einer fachlichen Abklärung (Neurologie, Radiologie).
Heftigste Schmerzzustände mit Muskelhartspann und dadurch erzwungener Fehlhaltung (Schiefhaltung) werden als „
akuter Tor tikollis“ bezeichnet. 

In Abhängigkeit von der Höhe der Störung unterscheidet man das (HW S-Synd rom) in: 

Oberes HW S-Synd rom: Die typischen Krankheitszeichen sind in der Literatur unterschiedlich dargestellt (Kügelgen et Hillemacher 1989, Kocher et al. 1980, Dahmen et al. 1985). Gemeinsames Merkmal sind Nac kenschmerzen mit Schmerzausstrahlung nach oben in den Kop f, da sich die Störungen überwiegend auf die Ner venwurzel des 2. Halswirbels konzentrieren. Die Schmerzeinstrahlung in den Hinterop f, teilweise auch bis zur St irnregion ziehend, führt häufig zur Diagnose eines zervikogenen oder vertebragenen (= wirbelsäulenbedingten) Kopfschmerzes. 
Inwieweit die HW S-spezifische "Unkovertebralar throse"
(= Erkrankung des „Halbgelenks“ zwischen zwei Wirbelkörpern) über eine Einengung der Wirbelsäulenschlagader (A. vertebralis) im Foramen intervertebrale (= Zwischenwirbelloch) ein zervikozephales (= Hal s und Kop f betreffendes) Krankheitsbild verursachen kann, ist noch nicht endgültig geklärt. 

Mittleres HW S-Synd rom: Typische Schmerzen treten im Bereich der Halswirbel 3, 4, 5 auf und strahlen in die Schulterblätter, auch bis über die Schul ter aus. Beim radikulären Synd rom (= Krankheitszeichen infolge einer Ner venstörung, -schädigung) treten Störungen der Nervenfunktion in Form von herabgesetzter Empfindung und/oder Lähmungen von Schulterblattmuskeln (z.B. M. levator scapulae) auf. Ganz selten kommt es auch zu Zwerchfellähmung (Thoden 1987). Beim radikulären Synd rom der Ner venwurzel des 5. Halswirbels ist der M. biceps brachii betroffen. 

Unteres HW S-Synd rom: Da die Ner venwurzeln des 6. bis 8. Halswirbels und des 1. Brustwirbels betroffen sind, können diese Rückenschmerzen bis in den Kleinfinger ausstrahlen. Meist wird dieser Schmerzzustand mit „Zervi kobrachialg ie" (Schul ter-A rm-Synd rom) bezeichnet, obwohl streng genommen das Zerv iko-Brachialg ie -Synd rom mit einer radikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen infolge einer Ner venstörung, -schädigung) einhergeht (Debrunner 1988). 
Die pseudorad ikuläre
(= auf eine scheinbare Ner venschädigung zurückzuführende) Ausstrahlung in die Ar me fällt noch unter den Begriff "Zer vikalsyndrom". 
Bei Störung der Ner venwurzel des 1. Brustwirbels kann sich ein Horner-Synd rom
(= Augenlidsenkung, Verengung der Pupille, Zurücksinken des Augapfels) ausbilden (Thoden 1987). 

Das Brustwir belsäulen-(BW S-) Synd rom ist ein Sammelbegriff für Rückenschmerzen, die von der Brustwir belsäule ausgehen oder den Brustwir belsäulenbereich betreffen. 
Von den Abschnitten der Wir belsäule ist die BW S hinsichtlich Rückenschmerzen prozentual am wenigsten betroffen. Statisch-dynamische Faktoren spielen hier eine untergeordnete Rolle, es dominieren reflektorische
(= von einem anderen erkrankten Organ ausgehende, reflexartige) Störungen, hauptsächlich im myofaszialen (= Mus keln und deren Gewebsumhüllung betreffenden) System. Nicht selten sind auch Interkostalner ven (= Zwischenrippenner ven) im Sinne einer pseudoradikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen, die von einer scheinbar gestörten Ner venwurzel ausgehen) beteiligt. Eine rad ikuläre Symptomatik (= Krankheitszeichen, die von einer tatsächlich gestörten Ner venwurzel ausgehen) kann leicht übersehen werden, da z.B. bei motorischen (= die Muskelfunktion betreffenden) Ausfällen kaum eine körperliche Beeinträchtigung eintritt, es sei denn, es sind mehrere Interkostalner ven (= Zwischenrippenner ven) betroffen, was dann zu einer Störung der Lungenfunktion führen kann. 
Der Schmerzcharakter im Bereich der Brustwir belsäule wird von den Patienten meist mit dumpf und drückend angegeben. In der Regel ist die Mus kulatur neben der Wir belsäule verhärtet und druckschmerzhaft. Oft besteht auch Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper. 
Relativ häufig treten Rückenschmerzen im Rahmen von Wachstumsstörungen auf (z.B. Morbus Scheuermann, Skoliose), begünstigt durch die damit verbundene Fehlhaltung. 
Das BW S-Synd rom kann auch Folge von zusammengebrochenen Wirbeln aufgrund einer Osteoporose sein. Nicht selten stellt sich ein BW S-Synd rom auch nach einem unfallbedingten Wirbelbruch ein. 
Viszera le
(= die Ein geweide betreffende) Übert ragungsschmerzen (Re ferred pain) sind stets in die differentialdiagnostischen Erwägungen
(= Überlegungen, welche Krankheiten noch in Frage kommen können) mit einzubeziehen. Störungen bzw. Krankheiten von Herz und Bauchspeicheldrüse führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulterblättern. Auch Erkrankungen der Speiseröhre, Pleura (= Brustfell) und Fehlbildungen der Brustaorta (= Brustschlagader) können zu Beschwerden in der BW S-Region führen. 

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