Wir informieren ausführlich und umfassend über
Chronische RÜCKENSCHMERZEN
Teil 1
Anhaltende Rückenschmerzen sind in besonderem Maße geeignet, das körperliche Allgemeinbefinden beträchtlich zu stören. Diagnostik und Therapie werden allerdings durch die Vielzahl möglicher Ursachen erschwert, hinzu kommt, daß das Beschwerdebild nicht einheitlich ist, sondern in den verschiedensten Variationen (z. B. unterschiedliche Ausstrahlungen in die Be ine, Leisten) auftritt. Von Bedeutung ist deshalb bei Rückenschmerzen eine genaue Abfrage der Beschwerden und Erhebung der Anamnese (= Vorgeschichte), da diese Angaben bereits grobe Hinweise auf die Art der Schädigung liefern.
Werden Rückenschmerzen bei Beanspruchung der Wir belsäule verstärkt oder ausgelöst, so sind die Bewegungssegmente beteiligt.
Rückenschmerzen, die von der Wirbelsäulenfunktion unabhängig sind, sprechen mehr
für Störungen im Bereich der Wir belkörper.
Rückenschmerzen, die von
Mus keln und
deren Bindegewebsumhüllung ausgehen (sog. muskuloskelettaler oder myofaszialer
Ursprung) werden durch Wirbelsäulenbelastungen und -bewegungen ebenfalls
verstärkt, unterliegen aber häufig
klimatischen Einflüssen, d.h., sie treten in
der kälteren Jahreszeit bevorzugt auf. Oft berichten die Patienten, sie hätten
sich "verkühlt".
Akut auftretende Rückenschmerzen im Rahmen eines
LW S-Syndroms
sind häufig bandscheibenbedingt, können aber auch durch eine akute
Segmentblockierung (hpts. kleine Wir belgelenke) ausgelöst werden.
Akute Rückenschmerzen, die mit einer monoradikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen 1 Ner venwurzel betreffend)
einhergehen, sind sichere Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls, gleiches gilt
für akute Schmerzen im Zusammenhang mit einem Cauda-Synd rom
(= Rückenmarkschädigung mit Lähmung der Bei ne).
Rückenschmerzen beim Husten und Pressen
sind typisch für Ner venwurzelkompressionen, z.B. infolge einer
Ba ndscheibenprotrusion oder gar eines
Ba ndscheibenprolaps
(= Ba ndscheibenvorwölbung oder gar -vorfall).
Rückenschmerzen, die bei Erschütterung auftreten, können von einer
Spondyli tis
(= En tzündung an der Wir belsäule) verursacht werden.
Rückenschmerzen, die bevorzugt nachts und morgens auftreten, weisen auf eine
generalisierte
(= allgemeine)
Wir belsäulenerkrankung hin, z.B. Morbus
Bechterew oder
Osteoporose.
Diffuse, in die Peripherie (= in den äußeren Körperbereich) projizierte Schmerzen ohne fassbare Ner venstörung, begleitet von Krankheitszeichen, die dem vegetativen, unwillkürlichen Nervensystem zuzuordnen sind (z.B. örtlich vermehrte Schweißbildung), sprechen für die Funktionsstörung des Grenzstranges (= vegetative Nervenstrukturen beiderseits der Wir belsäule) (Synd rom des sympathischen Grenzstranges, Thoden 1989).
Auch auf den Ort der Schädigung lassen sich bereits aus dem Beschwerdebild Rückschlüsse ziehen:
Schmerzen und Störungen der (Berührungs-) Empfindlichkeit im Bereich
ober- und unterhalb des Leistenbandes weisen auf die Ner venwurzeln L1
(= 1. Segment der Lendenwir belsäule)
und L2 hin.
Die L3-Wurzel macht sich am vorderen inneren Oberschen kel bemerkbar.
Die Meralg ia
paraest hetica
(= Schmerzstörung im Bereich des Nervus cutaneus femoris lateralis, rumpfnahe an
der Außenseite des Oberschenkels) ist
dagegen eine periphere
(= mehr
oberflächliche) Ner venstörung.
Schmerzen und Störungen der (Berührungs-) Empfindlichkeit vom vorderen inneren
Oberschen kel bis zur Schienbeinvorderfläche reichend, betreffen die Wurzel L4.
Beschwerden, die von der Außenfläche des Oberschenkels über den äußeren seitlichen Unterschen kel zum Fu ßrücken und zur Großze he ziehen, sind L5 zugeordnet, während die S1-Wurzel (= 1. Ner venwurzel im Kr euzbeinbereich) für den hinteren Oberschen kel, hinteren seitlichen Unterschen kel, seitlichen Fu ßrand und die Zehen 3-5 verantwortlich ist.
Systematik der Ursachen für Rückenschmerzen
|
1. Vertebragene (= wirbelsäulenbedingte) Rückenschmerzen: |
| Degenerative Veränderungen (= durch Abnutzung hervorgerufen) |
| - Bandscheibenveränderungen (Vorwölbung, Vorfall) |
| - ligamentäre Insuffizienz (= Funktionsstörung von Haltebändern) |
| - Störung der gelenkigen Wirbelverbindungen |
| - knöcherne Veränderungen (Randzacken, Knochenwulste usw.) |
| Missbildungen |
| - angeborene (z.B. Spina bifida, Blockwirbel, Keilwirbel) |
| - Wachstumsstörung (z.B. Skoliose, Scheuermann) |
| Entzündliche Erkrankungen |
| - Rheumatischer Formenkreis (z.B. Polymyalgia, M. Bechterew) |
| - Infektionserkrankungen (Spondylitis z.B. durch Tbc, |
| Staphylokokken, M. Bang) |
| Generalisierte Skeletterkrankungen |
| - (z.B. Osteoporose, Osteomalazie) |
| Tumoren der Wir belsäule |
| - Primärtumoren (hauptsächlich Plasmozytom) |
| - Metastasen |
| Traumen (= Verletzungen) (Frakturen, Schleudertrauma der HWS) |
| Defekte, nicht verletzungsbedingte (z.B. Spondylolyse |
| und Spondylolisthesis) |
| 2. Neurologische Erkrankungen: |
| (z.B. Polyradikulitis, Rückenmarkstumoren, |
| Syringomyelie, Tabes dorsalis |
| 3. Referred pain (Übertragungsschmerz): |
| Halswir belsäule: sog. viszeraler Übertragungsschmerz bei |
| Erkrankung innerer Organe: Leber, Gallenblase, Magen, |
| Milz, Dickdarm, Herz u. Affektionen des Schultergelenkes |
| Brustwir belsäule: Schmerzprojektion bei Erkrankung der |
| Speiseröhre, der Pleura, und bei Aortenaneurysma |
| Lendenwir belsäule: Schmerzprojektion bei gynäkologischen |
| und urologischen Erkrankungen |
| 4. Myofasziales Syndrom |
| (= Mus keln und deren Gewebsumhüllung sowie Sehnen betreffende Störungen) |
Die einzelnen Wirbelsäulenabschnitte:
Das Halswirbelsäulens yndrom (HW S-Synd rom) oder auch Zer vikalsyndrom
genannt, ist ein Sammelbegriff für von der Halswir belsäule
ausgehende oder den Halswirbelsäulenbereich betreffende Rückenschmerzen. Die mit Abstand häufigste Ursache sind
Störungen im Bereich der gelenkigen
Wirbelverbindungen, die sog. "Wirbelblockierungen".
In der Regel klagen die
Patienten über Rückenschmerzen bzw. Nac kenschmerzen, die in die Schul tern, manchmal bis in die Ar me
und/oder auch in den Hin terkopf (z.T. bis zur
St irn)
ausstrahlen können. Meist
ist die Mus kulatur neben der Wir belsäule verhärtet, häufig verbunden mit einer
schmerzhaft eingeschränkten Kopfbeweglichkeit. Vielfach besteht auch
Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Halswir belsäule.
Zum
Ausschluß eines die Ner venwurzeln betreffendes Krankheitsgeschehens (rad ikuläre
Synd rome), bedarf es immer einer fachlichen Abklärung (Neurologie,
Radiologie).
Heftigste Schmerzzustände mit Muskelhartspann und dadurch
erzwungener Fehlhaltung (Schiefhaltung) werden als „akuter
Tor tikollis“
bezeichnet.
In Abhängigkeit von der Höhe der Störung unterscheidet man das (HW S-Synd rom) in:
Oberes HW S-Synd rom: Die typischen
Krankheitszeichen sind in der Literatur unterschiedlich dargestellt (Kügelgen
et Hillemacher 1989, Kocher et al. 1980, Dahmen
et al. 1985). Gemeinsames Merkmal sind Nac kenschmerzen
mit Schmerzausstrahlung nach oben in den Kop f, da sich die
Störungen überwiegend auf die Ner venwurzel des 2. Halswirbels
konzentrieren. Die
Schmerzeinstrahlung in den Hinterop f, teilweise auch bis zur
St irnregion
ziehend, führt häufig zur Diagnose eines zervikogenen oder vertebragenen
(= wirbelsäulenbedingten)
Kopfschmerzes.
Inwieweit die HW S-spezifische "Unkovertebralar throse"
(= Erkrankung des „Halbgelenks“ zwischen zwei
Wirbelkörpern) über eine Einengung
der Wirbelsäulenschlagader (A. vertebralis) im Foramen intervertebrale
(= Zwischenwirbelloch)
ein zervikozephales
(= Hal s und Kop f
betreffendes) Krankheitsbild
verursachen kann, ist noch nicht endgültig geklärt.
Mittleres HW S-Synd rom: Typische Schmerzen treten im Bereich der Halswirbel 3, 4, 5 auf und strahlen in die Schulterblätter, auch bis über die Schul ter aus. Beim radikulären Synd rom (= Krankheitszeichen infolge einer Ner venstörung, -schädigung) treten Störungen der Nervenfunktion in Form von herabgesetzter Empfindung und/oder Lähmungen von Schulterblattmuskeln (z.B. M. levator scapulae) auf. Ganz selten kommt es auch zu Zwerchfellähmung (Thoden 1987). Beim radikulären Synd rom der Ner venwurzel des 5. Halswirbels ist der M. biceps brachii betroffen.
Unteres
HW S-Synd rom:
Da die Ner venwurzeln
des 6. bis 8. Halswirbels und des 1. Brustwirbels betroffen sind, können diese
Rückenschmerzen bis in den Kleinfinger ausstrahlen. Meist wird dieser Schmerzzustand
mit „Zervi kobrachialg ie"
(Schul ter-A rm-Synd rom) bezeichnet, obwohl streng genommen
das Zerv iko-Brachialg ie
-Synd rom mit einer radikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen infolge einer Ner venstörung, -schädigung)
einhergeht (Debrunner 1988).
Die pseudorad ikuläre
(= auf eine scheinbare Ner venschädigung zurückzuführende)
Ausstrahlung in die Ar me fällt noch unter den Begriff "Zer vikalsyndrom".
Bei Störung der Ner venwurzel des 1. Brustwirbels kann sich ein
Horner-Synd rom
(= Augenlidsenkung, Verengung der
Pupille, Zurücksinken des Augapfels)
ausbilden (Thoden 1987).
Das
Brustwir belsäulen-(BW S-)
Synd rom ist ein Sammelbegriff für Rückenschmerzen,
die von der Brustwir belsäule ausgehen oder den
Brustwir belsäulenbereich
betreffen.
Von den Abschnitten der Wir belsäule ist die
BW S hinsichtlich Rückenschmerzen prozentual am wenigsten betroffen. Statisch-dynamische
Faktoren spielen hier eine untergeordnete Rolle, es dominieren reflektorische
(= von einem anderen erkrankten Organ ausgehende, reflexartige)
Störungen, hauptsächlich im myofaszialen
(= Mus keln und deren Gewebsumhüllung
betreffenden)
System. Nicht selten sind auch
Interkostalner ven
(= Zwischenrippenner ven)
im Sinne einer pseudoradikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer scheinbar
gestörten Ner venwurzel ausgehen) beteiligt. Eine
rad ikuläre Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer tatsächlich
gestörten Ner venwurzel ausgehen) kann leicht übersehen werden, da z.B. bei motorischen
(= die Muskelfunktion betreffenden)
Ausfällen kaum eine körperliche Beeinträchtigung eintritt, es sei denn, es sind
mehrere Interkostalner ven
(= Zwischenrippenner ven)
betroffen, was dann zu einer Störung der Lungenfunktion führen kann.
Der
Schmerzcharakter im Bereich der Brustwir belsäule wird von den Patienten meist
mit dumpf und drückend angegeben. In der Regel ist die Mus kulatur neben der Wir belsäule
verhärtet und druckschmerzhaft. Oft besteht auch
Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper.
Relativ häufig
treten Rückenschmerzen im Rahmen von Wachstumsstörungen auf (z.B. Morbus
Scheuermann, Skoliose), begünstigt durch die damit verbundene
Fehlhaltung.
Das BW S-Synd rom
kann auch Folge von zusammengebrochenen Wirbeln
aufgrund einer Osteoporose sein. Nicht selten stellt sich ein
BW S-Synd rom
auch nach einem unfallbedingten Wirbelbruch ein.
Viszera
le (= die Ein geweide betreffende) Übert
ragungsschmerzen (Re ferred pain) sind stets in die
differentialdiagnostischen Erwägungen
(= Überlegungen, welche Krankheiten noch in Frage kommen können)
mit einzubeziehen. Störungen bzw. Krankheiten von Herz und Bauchspeicheldrüse
führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulterblättern. Auch Erkrankungen der
Speiseröhre, Pleura
(= Brustfell)
und Fehlbildungen der Brustaorta
(= Brustschlagader)
können zu Beschwerden in der BW S-Region führen.
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